"speaker's corner"

11.02.2010

Übersicht

-  Verkauf von Exponaten der (Hamburger) Museen?
-  Sparappell (auch) für die Kultur
-  Misere der Tonträger-Branche
-  Marketing für Theater
-  Wirtschaften in öffentlichen Kultureinrichtungen
-  Sponsoring-Volumen
-  Anteil des Sponsoring am Gesamt-Finanzmix in der Kultur



Verkauf von Exponaten der (Hamburger) Museen?


Die aktuelle und sehr kontrovers geführte Diskussion zur Frage, ob Museen in öffentlicher Trägerschaft grundsätzlich Exponate veräußern dürfen/sollen, zeigt, dass Aufklärungsbedarf besteht. Ein Hinweis "Stellen Sie sich vor, das Werk von Caspar David Friedrich wird verkauft" lässt sich rasch als Provokation entlarven. Denn es dürfte kaum jemanden geben, der tatsächlich über den Verkauf von Premium-Werken nachdenkt. Auch wird niemand vorauseilend in Betracht ziehen, von Stiftern übereignete Werke zu veräußern. Und niemand, der redlich agiert, käme auf die Idee, Werke mit Verkaufsabsichten zu belegen, die ihm gar nicht gehören (sondern beispielsweise als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt werden). Folglich sollte man all diese Werke aus der öffentlich geführten Diskussion herausnehmen, falls man an einem konstruktiven Meinungsaustausch interessiert ist.

Selbst wenn man diese drei Bedingungen zu Ausschlusskriterien für Verkaufsüberlegungen erklärt, werden beispielsweise die Hamburger Museen immer noch auf tausende (!!) Exponate zugreifen können, die weder ein Premium-Werk, noch ein von Stiftern übereignetes Werk, noch eine Leihgabe sind. Nur der Vollständigkeit halber: Frei von jenen Ausschlusskriterien befindet sich ein Großteil der Sammlungsbestände ohnehin gar nicht im Eigentum der Hamburger Museumsstiftungen, sondern im Eigentum der Freien und Hansestadt Hamburg - durchaus ein "Webfehler" bei der hastigen Verselbstständigung der Staatlichen Museen Ende der 1990er Jahre. Folglich darf der Museums-Vorstand (= Museumsdirektor und Kaufmännischer Direktor) letztinstanzlich über viele dieser Werke gar nicht befinden, da sie sich nur im Besitz, nicht aber im Eigentum der Museumsstiftungen befinden. Zudem offenbarte die vor wenigen Monaten abgeschlossene, zweite Evaluation der Hamburger Museumsstiftungen erneut, dass diese nicht in Gänze wissen, was sich bei ihnen im Depot befindet. Das ist ein Umstand, der allerdings auch auf viele andere Museen andernorts zutrifft. Dennoch mahnte die Evaluierungskommission mit Nachdruck eine Inventarisation der Sammlungsbestände an.

Die Erklärung von Frau Senatorin v. Welck "Kunstwerke bewahren, nicht verkaufen" ist emotional betrachtet verständlich, da sie selbst lange Zeit Museen geführt hat. Für eine politische Repräsentantin des Trägers der Staatlichen Museumsstiftungen, nämlich der Freien und Hansestadt Hamburg, ist eine solch kategorische Ablehnung aber zu kurz gedacht und vielleicht auch unklug. Denn selbst der Deutsche Museumsbund tabuisiert keineswegs den Gedanken von Exponatverkäufen durch Museen. Ganz im Gegenteil, er öffnet sich dieser Option ganz bewusst. Er tut dies u.a. mit der Begründung, dass die Museen die Entscheidungshoheit über Exponatverkäufe bei sich halten sollten, um nicht Gefahr zu laufen, dass ggf. andere (z.B. Finanzpolitiker) dies von ihnen verlangen oder gar statt ihrer tun. Die Gremien des Museumsbundes, die sich mit dieser Frage befassen, knüpfen die Veräußerung von Exponaten allerdings an eine Bedingung: Die Verkaufserlöse sollen z.B. nicht dem finanziellen Ausgleich struktureller Defizite dienen, sondern dem Erwerb anderer Exponate.

Dieses Junktim hat sogar Potenzial zur Künstlerförderung, die eigentlich im Sinne der politisch Verantwortlichen sein müsste. Würden wir statt dessen dem Wunsch der Senatorin konsequent folgen, hieße dies angesichts schrumpfender (und zum Teil sogar überhaupt nicht mehr vorhandener) Ankaufsetats, dass Werke aus früheren Jahrhunderten zwar bewahrt, aber keine Werke der Neuzeit erworben werden könnten. Daraus wiederum resultierte, dass jungen Künstlern beispielsweise die Möglichkeit genommen würde, ihre Werke an Museen zu verkaufen. Irgendwann würde man dann rückblickend feststellen, dass beispielsweise die Hamburger Kunsthalle umfangreiche Sammlungen von Exponaten aus früheren Jahrhunderten beherbergt, aber kaum Exponate aus der heutigen Zeit. Den folgenden Generationen würden somit Zeugnisse des kreativen Schaffens unserer Zeit fehlen.


"Sparen bei Kunst und Kultur gefährdet die Gesellschaft"

Landauf und landab wird im Augenblick (auch) bei der Kultur über Sparziele diskutiert. Auffallend aber hierbei ist es, wie öffentlichkeitswirksam eine Generalverweigerung der Kultur geführt wird. Doch damit dürfte sich die (öffentlich getragene) Kultur keinen Gefallen tun. Sie macht sich unglaubwürdig und verspielt gesellschaftlichen Goodwill. Ein pauschales "NEIN! Kein Sparen bei der Kultur." (Hamburger Abendblatt) ist höchst gefährlich, es birgt sozialen Sprengstoff. Denn natürlich wissen alle Beteiligten: Selbstverständlich gibt es auch bei Kunst und Kultur Sparpotenziale. Es ist längst nicht alles zum Besten bestellt bei vielen öffentlichen Kultureinrichtungen. Die Finanz-Klagen erfolgen auf hohem Niveau, der Reformbedarf ist immens. Ergo: Es ist das gute und gesicherte Recht der Kultureinrichtungen, entsprechende Potenziale selbst zu erschließen. Das aber sollten sie denn auch tun. Eine (Total-)Verweigerung ist wenig ratsam, denn dann laufen die Einrichtungen Gefahr, die (Spar-)Regie aus der Hand zu geben. Wenn aber Dritte über sie bestimmen, dann ist es höchst wahrscheinlich, dass die Sparvorgaben hoch ausfallen.


"Vor allem Internet und Raubkopierer sind schuld an der dauerhaften Misere der Tonträger-Unternehmen"


Glaubt man den Nachrichten aus der Tonträger-Branche, dann sind die Schuldigen für die Wirtschaftsentwicklung der Tonträger-Wirtschaft bereits ausgemacht: Es sind die Online-Medien sowie die Raubkopierer, wobei beide im Kollektiv noch schädigender wirken (sollen). Zweifellos haben auch Raubkopierer einen nicht unerheblichen Anteil an ausbleibenden Umsätzen, das bestreitet niemand.

Aber mit einer Schuldzuweisung allein auf jenes Klientel macht es sich die Branche dann doch zu einfach. Denn die gravierende Ursachen liegen nicht bei den Raubkopierern, sondern bei den Tonträger-Gesellschaften selbst. Diese haben während der Jahre, in denen die Umsätze und Gewinne geradezu automatisch sprudelten, (zu) wenig Innovationsbereitschaft gezeigt. Die Saturiertheit hat die Branche unsensibel gemacht für Marktentwicklungen. Das rächt sich nun, und zwar in einer Geschwindigkeit, der viele Tonträger-Unternehmen kaum gewachsen sind.

Auch heute kann man mit Tonträgern noch gute Umsätze und Gewinne machen – allerdings nicht mehr auf den selben Wegen und mit den selben Mitteln wie vor fünf oder gar zehn Jahren. Änderungsbereitschaft ist eine zwingende Voraussetzung für Erfolg auf sich (ständig) wandelnden Märkten. Dass ein stetig wachsender Umsatz-Anteil über das Online-Geschäft erwirtschaftet wird, dürfte mittlerweile hinreichend bekannt sein. Sehr lange Zeit gingen Tonträger-Vertreter davon aus, dass sich das Internet nicht wirklich zu einem ernsthaften Konkurrenten entwickeln wird. „Wen man nicht besiegen kann, den sollte man umarmen.“ Dieser alte Spruch bewahrheitet sich auch hier – und folglich sollten Tonträger-Unternehmen das Internet weniger als Konkurrenten, sondern vielmehr als Partner ansehen und entsprechend nutzen. Das Verhalten Anderer (das gilt auch für Raubkopierer) wird man nicht so schnell ändern können - erfolgversprechender ist es, sich selbst den veränderten (und sich auch weiterhin ändernden) Marktverhältnissen strukturell anzupassen.


"Marketing für öffentliche Theater ist Mist"


Mit diesen markigen Worten wird Claus Peymann (Intendant Berliner Ensemble) zitiert. Er soll dies unter anderem vor dem Kulturausschuss des Berliner Abgeortnetenhauses gesagt und aus der Kultur dafür viel Beifall bekommen haben. Diese Aussage entbehrt natürlich jeder Grundlage, und das weiß kaum jemand so gut wie Claus Peymann. Über das "OB" von Marketing in öffentlichen Kultureinrichtungen zu diskutieren, ist Zeitverschwendung - diese Zeit sollte man lieber in die Diskussion über das "WIE" investieren. Denn: "Marketing" (= marktorientiertes Denken und Handeln) hat nichts mit Gewinnstreben oder Kommerz zu tun. Dies wird ihm zwar dauernd unterstellt, aber dadurch wird diese Unterstellung nicht zutreffender. "Marketing" bezeichnet nichts anderes, als Marktbeziehungen bestmöglich zu gestalten - schließlich leben wir in einem marktwirtschaftlichen System. Und hier tummeln sich gleichermaßen kommerziell und gemeinnützig ausgerichtete wie öffentlich und privat getragene Einrichtungen. Bekanntlich wird in unserer Gesellschaftsform hierzulande nicht alles dem freien Spiel der Kräfte überlassen (= Soziale Marktwirtschaft); aber das heißt selbstverständlich nicht, dass aus Marktwirtschaft eine Planwirtschaft wird; dort braucht es kein (oder besser: kaum) Marketing. Öffentliche Kultureinrichtungen müssen sich - ebenfalls dank unseres marktwirtschaftlichen Gesellschaftssystems - nicht zu 100% selbst finanzieren, sondern sie decken über 3/4 ihres jährlichen Finanzmittelbedarfs mit Zuwendungen der öffentlichen Hand. Für dieses enorme Privileg darf man auch ein bisschen mehr verantwortliches Denken und Handeln erwarten - statt egoistisch und populistisch solchen Unsinn zu markieren. Noch bedauerlicher aber ist vielleicht, dass einem Herrn Peymann die sogenannte "Intelligencia" so kritiklos beipflichtet.


Bei öffentlichen Kultureinrichtungen ist es nicht so gravierend, wenn Wirtschaftspläne nicht ordnungsgemäß erstellt und eingehalten werden.

Wahrscheinlich alle, die diese Überschrift lesen, werden sofort erkennen: Das ist ebenfalls Unsinn. Und sie haben recht. Aber dennoch: Warum gibt es dann - ganz aktuell - so viele Beispiele exakt dieses Fehlverhaltens in öffentlichen Kultureinrichtungen? Bonn, Schwerin, Essen, Hamburg, Bremen - die Liste ließe sich beliebig verlängern. Stimmen eigentlich bereits die zum Teil verheerenden Betriebsergebnisse nachdenklich, so wiegt möglicherweise noch schwerer, dass die für diese Fehlleistungen Verantwortlichen kaum Einsicht zeigen. Begünstigt wird dies nachweislich dadurch, dass Aufsichtsgremien und Behörden eine unverantwortliche und unangemessene Nachsicht walten lassen. Eine (falsche) Rücksichtnahme auf Einzelne sollte frühzeitig nach Erkennen eines Fehlverhaltens abgelegt werden, um nicht die Existenz einer gesamten Einrichtung zu gefährden.


Das Sponsoring-Volumen für die Kultur beträgt in Deutschland rund 500 Mio. Euro.

Dieser Wert hält sich seit einigen Jahren konstant und unbeirrbar in Fachbüchern und in der Presse. Und doch ist er keinesfalls belastbar, er wurde zu keiner Zeit fundiert erfasst. Bei näherer Betrachtung stellen wir fest, dass dies auch kaum verlässlich möglich ist. Viele Sponsoren geben ihr Sponsoring-Volumen nicht preis und Sachleistungen sind häufig nicht Teil solcher Pseudo-Berechnungen. Betrachtet man die Historie dieses Wertes, dann stellt man schnell fest, wie sehr er geschossen wurde: Waren es anfangs noch „rund 100 Mio. DM“, dann erhöhte sich dieser Wert in den einschlägigen Publikationen ab einem bestimmten Zeitpunkt auf „rund 250 Mio. DM“ und später gar auf „rund 500 Mio. DM“. Kurz nach der Währungsumstellung waren es dann plötzlich „rund 500 Mio. Euro“. Und hierbei ist es weitgehend geblieben - möglicherweise weil den Botschaftern solch ungesicherter Daten dann Angaben wie „rund 750 Mio. Euro“ oder „rund 1 Mrd. Euro“ doch als zu hoch erscheinen.


Nur 3 - 5 % der Finanzmittel für die Kultur sind Sponsoringmittel und daher nicht so elementar, wie vielfach angenommen.

In der Tat gibt es durchaus Engagements, bei denen ein Sponsoring-Beitrag überbewertet wird. Gar nicht einmal so selten kommt es vor, dass Sponsoren trotz einer eher bescheidenen Leistung dann ihrerseits Gegenleistungen in erheblich höherem Umfang erwarten. Unangemessenen Forderungen darf und sollte man sich vehement widersetzen, um insgesamt Schaden abzuwenden von einem durchaus lobens- und stützenswerten Miteinander von Wirtschaft und Kultur.

Doch rechtfertigen Einzelfälle keineswegs die verallgemeinernde Annahme, Sponsoring werde insgesamt überbewertet. Wenn man alle Finanzmittel, die der Kultur zur Verfügung gestellt werden, summiert, dann kann der Prozentsatz vielleicht sogar zutreffen. Dennoch werden "Äpfel mit Birnen" verglichen, denn es werden die vielen hundert Millionen Euro der öffentlichen Hand, die sie an Strukturmitteln (für Personal, Miete etc.) ihren eigenen Einrichtungen zur Verfügung stellen, mit operativen Mitteln für die künstlerische Arbeit in einen Topf geworfen. Das aber verfälscht die tatsächlichen Verhältnisse. Bei den öffentlich getragenen Kultureinrichtungen besteht eine erheblich größere Notwendigkeit für sogenannte "Drittmittel" (= Sponsoring und Spenden), als es der o.g. Durchschnittssatz aussagt. Denn die Drittmittel sind in der Regel operative Mittel, fließen also unmittelbar in die künstlerische Arbeit. Und für die operative Arbeit (= Ausstellungen, Inszenierungen etc.) sind auch die öffentlichen Zuwendungen vergleichsweise gering. Betrachtet man also das Finanzmix der operativen Mittel, dann liegt der Drittmittel-Anteil weit über den "3 - 5%" - die Abhängigkeit davon ist folglich deutlich größer. Unabhängig davon gibt es zudem sehr viele Projekte, die für sich betrachtet von einem erheblich höheren %-Satz von Sponsoring-Mitteln abhängen, als ein Durchschnitts-Wert abbilden kann.




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